Ein mit der Jamaika-Flagge bemaltes Schild weist nach rechts.
Rio Grande – 13/08/2017

Jamaika aus der Perspektive eines Bambusflössers

Glasklares Wasser und sattgrüne Hänge – auf dem Rio Grande unterwegs in das Herz von Jamaika

Written by Sven Schneider

Mark Ming nimmt Schwung – und versenkt den sechs Meter langen Bambusstab im Flussbett des Rio Grande. Schnell wechselt das Holzfloß die Richtung, Flusskrebse nehmen reißaus im sichtklaren Wasser, auch Karpfen schließen sich den verschreckten Krustentieren an. Ihr Fluchtweg ist nur kurz: Fünf Meter weiter warten Fischer auf den frischen Fang. Ruhig gleitet das Bambusfloß an den Männern vorbei, die nur Badehose und Taucherbrille tragen. Ein paar Schübe noch – und Mark bringt den Kahn zwischen zwei aufragenden Felsen nahe dem Ufer zum Stehen. Ein dunkler und wenige Meter breiter Korridor erwartet das Boot, Schatten sowie Sichtschutz sind garantiert.

Ein Flößer fährt auf einem Fluss auf Jamaika.

Ein Flößer fährt auf einem Fluss auf Jamaika.

Patois eine auf Jamaika verbreitete Kreolsprache mit englischen Wurzeln 

Für Mr. Ming, wie ihn hier am Fluss alle nennen, gehört dieser Stopp zum Standard – besonders wenn er Pärchen befördert. „Dem Lovers love da place“, sagt der barfüßige, nur mit Dreiviertelhose und Hemd bekleidete Mittdreißiger im Inseldialekt Patois: Der ideale Platz für Turteltauben. Es ist nicht immer leicht, die Kreolsprache zu entziffern. Entstanden aus dem Englischen, werden Endungen oft verschluckt, Buchstaben weggelassen und Personalpronomen verallgemeinert. Eigentlich gibt es nur eine Regel: aus vielen Worten möglichst wenige machen. Marks Fahrgäste haben ihn aber auch so verstanden: Die romantische kleine Bucht – verborgen vor neugierigen Blicken – spricht für sich.

Viele der rund 3000 Pflanzenarten Jamaikas wachsen

Entdeckt wurde der Platz von einem der größten Schürzenjäger Hollywoods: Errol Flynn. Der Filmstar verliebte sich in den 40ern in die Insel, kaufte sich ein Haus – und veranstaltete für seine Jetset- Freunde Partys auf den Bambusbooten. Später zog man meist weiter – und ankerte im Mondschein in der Lovers Lane. Wie damals kommen auch heute Touristen noch auf den Geschmack – und unterbrechen ihren Strandurlaub für eine River-Tour. Dabei lernen sie im Osten der Insel eine komplett andere Seite des Karibik-Eilands kennen: Auf dem Rio Grande geht es nur um Ruhe, Entschleunigung – und tropische Natur, so weit das Auge reicht. Viele der rund 3000 Pflanzenarten Jamaikas wachsen beiderseits des Ufers und bil den eine blickdichte, in allen Grüntönen schillernde Wand. Mandel und Mangobäume recken sich empor, und Palmen und Akazien grüßen mit ihren Zweigen das saubere Flusswasser. Auch Rotbirken, Bambussträucher und Farne kämpfen um jeden Meter Boden. Auf kleinen Lichtungen wühlen Wildschweine auf Nahrungssuche den Boden um, Rehfamilien sonnen sich auf einer der zahlreichen Sandbänke.

An den Flussufern findet man auf Jamaika eine reiche Pflanzenwelt vor.

An den Flussufern findet man auf Jamaika eine reiche Pflanzenwelt vor.

"Bob is business"

Plötzlich taucht, wie von Geisterhand geschickt, ein Reiher im Sturzflug in den Fluss hinein. Dem Wimpelschwänzchen, das vor der Nase des Bootsführers ein vorwitziges Tänzchen vollführt, macht das nichts aus. „Doctor Bird, Ya no see it?“, flüstert Mark – und zeigt auf den aufgeregten Kolibri mit dem leuchtend roten Schnabel und dem grün glänzenden Gefieder. Es ist Jamaikas Wappentier, das sich mit 75 Flügelschlägen pro Sekunde in der Luft hält – und dabei einen leichten Summton produziert. Vogelbeobachtungen ergeben sich überall. Seit Jahrzehnten kommen Ornithologen auf die drittgrößte Antilleninsel, um den mehr als 80 verschiedenen Spezies mit Kamera und Objektiv auf den gefiederten Leib zu rücken. Überall, im unwegsamen Dschungel oder an den Stränden, in Dörfern und Städten sowie in vielen der mitten im Grünen gelegenen Hotels schwirrt und zwitschert es in der Luft – manchmal sorgt das Gebalze bisweilen für eine imposante Geräuschkulisse.

Welche Auswirkungen die Vogelwelt hat, zeigt das Beispiel Ian Fleming. Der britische Krimiautor, selbst ein begeisterter Hobby-Ornithologe, las auf Jamaika ein Werk des Vogelkundlers James Bond – und versah seine Romanfigur, den berühmtesten Spion der Literatur-Geschichte, mit dessen Namen. Insgesamt 14 Abenteuer dichtete Fleming seinem Geheimagenten auf die durchtrainierte Statur – allesamt geschrieben in seiner Villa bei Ocho Rios, heute das Luxushotel „Golden Eye“. Und auch die Musik widmete Jamaikas Vögeln so manchen Ton: Reggae-Sänger Burning Spear imitiert seit Jahrzehnten bei Konzerten die Vogelstimmen seiner Heimatinsel – und Superstar Bob Marley landete einst mit dem Song „Three little Birds“ einen seiner international größten Hits. Es ist eines der Lieblingslieder von Mark. Während das Flusswasserseine nackten Füße umspült, legt er den Kopf in den Nacken – und singt die ersten Verse des Songs. „Don' t worry about a ting“, beginnt er – und bekommt fast einen schwärmerischen Gesichtsausdruck. „Me love dem Bwoy“, summt er weiter – und drückt dabei aus, was alle seine Landsleute denken: Bob Marley wird auf Jamaika verehrt wie ein Heiliger. Und dies nicht nur wegen der Musik, wie Ashton, ein in die Jahre gekommener Rasta am Strand von Boston Bay östlich von Port Antonio weiß. „Bob is Business“, sagt er, und breitet seinen Bauchladen aus. Handgefertigte Muschelketten liegen direkt neben T-Shirts und Aschenbechern mit dem Konterfei des Musikers – und die obligatorischen Strickmützen in den Reggae-Farben rot, gelb und grün, mit denen nicht wenige Urlauber in den kalten Winter Europas zurückfliegen. Auch mehr als 30 Jahre nach seinem Tod sorgt der erste Superstar der dritten Welt dafür, dass viele seiner Landleute ein akzeptables Einkommen haben.

Auf Jamaika gibt es auch Papageien.

Auf Jamaika gibt es auch Papageien.

Jamaican Jerk, eine Spezialität

Nur Ashton hat heute wenig Glück. Es ist früher Mittag, und am menschenleeren Strand ist noch wenig los. Die Badebucht mit dem türkisblauen Wasser und den pittoresken Fischerbooten schläft noch den Dornröschenschlaf – während die Snackshops und Restaurants hundert Meter hinter ihm schon gute Geschäfte machen. Boston Bay gilt als Geburtsort eines kulinarischenKlassikers: „Jamaican Jerk“ – mit einer speziellen Marinade bestrichenes Hühner- oder Schweinefleisch, das langsam auf einem Rost über einem Holzfeuer gegrillt wird.

Dass Marley selbst das Jerk-Food angerührt hätte, bezweifeln nicht wenige Insulaner. „Him was straight, a Rasta“, sagt Anthony, Barkeeper im Pier One in Montego Bay. Er weiß: Anhängern der auf dem Christentum basierenden Glaubensrichtung ist der Genuss von Fleisch untersagt, ebenso wie künstliche Aromen oder Farbstoffe. „Ital-Food“ sei angesagt, erklärt Anthony, was eigentlich „vital“ meint, nur dass im Patois der erste Buchstabe weggelassen wurde. Obst, Gemüse, Wurzeln und Kräuter bilden die Ernährungsgrundlage, denn nur sie dienen in den Augen der Rastafari der Erhaltung des Lebens. Auch Alkohol hat im Leben eines Rastas nichts zu suchen. Dennoch muss der 1981 verstorbene – Reggae-Star auch an Anthonys schmuckem Tresen als Namensgeber für einen besonderen Drink herhalten: den „Bob Marley“. Doch Vorsicht: Der hochprozentige Drink, eine Mischung aus Grenadine, Bananenlikör, Creme de Menthe und Rum, hat viel Potenzial, Abende rasch zu beenden. „Yeah Mon“, bestätigt Anthony, grinst – und knipst den Mixer an.

Jamaican Jerk ist ein sehr beliebtes Hähnchengericht.

Jamaican Jerk ist ein sehr beliebtes Hähnchengericht.

WEITERE INFORMATIONEN

Anreise

Der Flughafen von Montego Bay liegt rund 40 Kilometer von Falmouth und 70 Kilometer von Negril entfernt. Das Flugangebot der TUI nach Jamaika ist im TUI Reisebüro und unter www.tui.com buchbar.

Essen

Traditionell auf Pimentholz gegrillt, wird im Scotchies in Montego Bay das beste Jerk-Fleisch der Region serviert. In Negril hat das Mi Yard rund um die Uhr geöffnet und bietet klassische Inselgerichte in lockerer Atmosphäre. Frischen Fisch in traumhafter Lage offeriert das Strandrestaurant Kuyaba.

Top-Tipp

Kolonialer Schick in Kingston, Kaffeegenuss an den Blue Mountains oder der Besuch der ältesten Rum-Brennerei der Welt in Appleton: Jamaikas vielfältige Attraktionen lassen sich alle bequem erfahren – individuell mit dem Mietwagen oder auf einer geführten Rundreise.

Mietwagen

TUI Cars bietet auf Jamaika besonders günstige Mietwagen an. Tagesaktuelle Preise buchbar im Reisebüro oder unter www.tuifly.com

Lesen

Die schönsten Strände, die spannendsten Touren und spektakulärsten Naturschauspiele: Der Marco Polo Reiseführer Jamaika informiert ausführlich über die Antilleninsel. Verlag Mair Dumont, 107 Seiten, 11,99 €.